E-bike vs. Rennrad

Ich gebe zu, dass auch ich mit dieser Frage gehadert habe. Ist das überhaubt ein „versus“ oder geht das auch beides?

Als ich das Klever bestellt habe, nagte immer in meinem Hinterkopf die bohrende Frage, ob man als Radsportler überhaupt Pedelec, E-bike oder S-Pedelec fahren „darf“. Und wer entscheidet das überhaupt. Muss ich mich an die Ethikkommission des UCI wenden? Nicht, dass mein Startplatz bei den Hamburg Cyclassics gelöscht wird wenn die rausfinden, dass ich auch ein Elektrofahrrad habe.

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Aber das geht doch nicht…

Was komischerweise am meisten an meiner Rennradfahrerehre kratzt sind Kommentare von Leuten, die vermutlich noch nie im Leben mal 10km am Stück mit dem Rad irgendwo hin gefahren sind. Das läuft dann meisten so ab:

Ich: „Ich fahre so oft es geht mit dem Rad zur Arbeit“

Interessierter Gesprächsparter (IG): „Oh cool. Wie weit ist das denn?“

Ich: „25km einfach“

IG: „Wow, sehr beeindruckend“

Ich: „Ja, macht Spaß. Ich fahre mit einem Speed Pedelec….“

IG (enttäuscht): „Achsoooo. Mit nem Ebike! Also mein Schwager/Kollege/Bekannter (von nem Bekannten) fährt JEDEN TAG bei JEDEM WETTER (10/15/50)km. Der ist voll fit“

Ich (in Gedaken):“ Mh, OK das hat jetzt zwar nichts mit meiner Strecke und Zeitplanung zu tun… und DU fährst doch selbst die 500m zum Bäcker mit dem Auto…“

Aber dann ist das Gespräch schon zuende und es macht trotzdem „Aua“ in der Sportlerseele.

Dass bisher die wenigsten die so kommentieren überhaupt den Unterschied zwischen nem Pedelec und nem S-Pedelec kennen oder mal eines von beidem gefahren sind, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Dass es auch ein riesen Unterschied ist, ob man z.B. 15 oder 25 km einfachen Weg hat, kann sich das Autofahrergehirn auch nicht vorstellen.

Ich denke, dass jeder selber für sich entscheiden muss, wie er den Arbeitsweg zurücklegt. Ich habe es als Riesenchance gesehen nach dem Jobwechsel nur noch 25 statt 50km einfachen Arbeitsweg zu haben. Für mich war auch klar, dass ich ab und zu mal mit dem Rennrad fahren werde. Ich bin aber auch ehrlich zu mir selbst. Ich würde das nicht 3-5 mal die Woche machen. Rucksack geht für mich gar nicht und ab und zu muss ich meinen Laptop transportieren. Dazu so Dinge wie Portemonnaie, Brotdose usw. Also Tasche am Gepäckträger. Mit dem Klever bin ich jetzt in 4 Wochen betreits 500 km zur Arbeit und zurück gefahren. Dabei fahre ich so, dass ich ordentlich ins schwitzen komme um den Weg in ca. 40 Minuten zurückzulegen. Gefühlt ist das dann so anstrengend wie 20-25km/h mit dem Rennrad. Nur eben schneller 😊 Dann schnell obenrum waschen, Oberteil und Hose wechseln und ab an den Schreibtisch. Das dauert in Summe meistens 50 min.

Mit dem Rennrad brauche ich ca 1 Stunde für die Fahrt in voller Rennradklamotte mit Rucksack. Dann auf der Arbeit 15 min duschen und umziehen. Wenn ich einfach rechne dauert das ganze ca 30 min länger. Wenn ich das ab und zu mache ist das auch kein Problem. Aber mit zwei kleinen Kindern zuhause sind 30 Minuten mehr Schlaf 3-5 mal die Woche quasi mit Gold aufzuwiegen.

So, genug gerechtfertigt…

Meine eingene Sorge war ja auch, ob ich überhaupt noch bock aufs Rennrad oder das Mountainbike habe, wenn ich einmal den „eingebauten Rückenwind“ hatte. Also habe ich mich am Wochenende aufs Rennrad geschwungen und meine lieblings Hausrunde um den großen Plöner See in Angriff genommen.

Kurze Antwort: JA, ich habe noch bock auf Rennrad. Und aufs Mountainbike. Ich habe für mich festgestellt, dass das einfach drei völlig verschiedene Paar Schuhe sind. Anbei meine Definitionen der verschiedenen Radfahrertypen. Diese sind natürlich IMMER GENAU SO im Leben zu finden 😉 Nee mal Spaß beiseite. Ich habe mal für mich definiert, was das alles für mich ganz persönlich bedeutet:

  • Das Klever X-Speed ist mein Commuterfahrzeug mit eingebauter Trainingsfunktion. Wer es nicht glaubt sollte es unbedingt ausprobieren. Schnell, satt, praktisch und mit viel Hightech an Bord (nicht Board, wie viele gern schreiben 😉 Es gibt im Deutschen anscheinend auch keinen Chrom mehr sondern nur noch Chrome. Aber ich schweife ab…)

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    Der (S-)Pedelecfahrer: Immer mit Gepäckträger und Warnkleidung. Spaß hat hier nix zu suchen. Auf jeden Fall zu faul zum selber treten

  • Das Canyon Endurace Rennrad ist eben ein Rennrad. Leicht, agil, fordernd und durch und durch ein spezialisiertes Sportgerät. Es macht mir genauso viel Spaß wie vor dem E-bike damit zu fahren. Puh! Glück gehabt 😊
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    Rennradfahrer: Asket mit rasierten Waden (wegen der Aerodynamik). Hat sonst keine andere Freizeitbeschäftigung. Es zählen nur die Medallien

     

  • Das YT-Industries All mountain Fully ist mein Spaßrad ohne Tacho und Kontrolle der Strecken und Zeiten. Es hat gerade im Harz wieder einen irren Spaß gemacht damit im Bikepark die (meistens eigenen) Grenzen auszuloten und an der Fahrtechnik zu feilen. Ich freue mich auch schon wieder gewaltig auf den nächsten Trip im Juli!

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    Der Freerider: Immer extrem lässig und cool. Quasi der Kitesurfer unter den Radsportlern. Style ist auf jeeeden Fall wichtiger als der sportliche Aspekt.

Nach den ersten paar Fahrten mit dem Klever war ich drauf und dran die Bestellung zu stornieren. Einmal weil mich die oben erörterten Fragen beschäftigen, andererseits, weil ich andere Vorstellungen hatte wie das Pendeln damit sein wird. Ich dachte ich komme völlig unverschwitzt an. Das geht auch, aber das ist dann sinnlos und macht keinen Spaß. Jetzt ist es mittlerweile so, dass ich mich jeden Morgen auf die Fahrt zur Arbeit freue und entäuscht bin, wenn ich mal das Auto nehmen muss.

Genau so hatte ich mir das dann eben doch wieder vorgestellt. Auch wenn ich mich auf Arbeit kurz frisch machen muss. Um sich jeden Tag zu zwingen aufs Rad zu steigen ist die Investition dann doch etwas zu hoch.

Für mich ist das ganze jetzt nach ein paar Wochen kein „versus“ mehr. Jetzt ist es E-Bike UND Rennrad UND Mountainbike. Das Klever wird sich auch bei mir nie rechnen. Ich habe kein Auto dafür abgeschafft. Es ist ein Statement gegen den Verkehrskollaps und für die Fahrradkultur. Also wer jetzt immernoch die Nase rümpft über den faulen „Seniorenrad Fahrer“ darf gerne mal mit mir ne Rennradrunde drehen. Und danach ohne zu grinsen das X-Speed ausprobieren. Ab jetzt nehme ich nur noch Kritik von Leuten entgegen, die selber jeden Tag mit dem Rad fahren und nicht nur jemanden kennen der das tut 😊

6 Gedanken zu “E-bike vs. Rennrad

  1. Zustimmung … einfach nur Zustimmung! Wo soll ich anfangen?
    – 30 Min. mehr Schlaf 3-5 mal pro Woche? Pures Gold!
    – Stinkig oder enttäuscht, wenn doch mal wieder Auto oder ÖPNV gefahren wird? Korrekt!
    – Unverschwitzt mit dem (S-)Pedelec ankommen? Ein Mythos!
    – So ein Bike rechnet sich nicht? Vermutlich. Egal!

    Es bläst den Kopf frei nach der Arbeit und gibt Zeit zum Wachwerden vor der Arbeit (falls die Nächte doch mal verdammt kurz waren). Weiter so. 500km in 4 Wochen sind eine Klasse Leistung!

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  2. Jo mann …..sauber schöne leistung …ich schaffe gerade mal in 3 wochen 85km da ich ja schicht habe und das mit 2 kids und familie nur alle 3 wochen in der spätschicht passt …

    Verstehe dich da ich mich auch jedesmal freue wenn es klappt …

    Weiter so

    Gruss psycho

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    • Danke Mann. Ich hab ja echt geändert mit den Bike. Aber mittlerweile freue ich mich über jede Fahrt zur Arbeit. Und heute Nachmittag ist große Plöner See Runde mit dem Rennrad angesagt. Dann bracht man nicht mit so minirunden von 25km rummachen.

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  3. Hallo Martin,

    netter Beitrag und mit einer grundlegend „charmant-ironischen-Sichtweise“ hast Du hier Dinge reflektiert, welche auch uns nicht ganz unbekannt sind. Zumindest interessant zu hören, dass es scheinbar auch noch Biker gibt, die sich um solche Dinge scheinbar schon noch tiefere Gedanken machen und dann sogar noch öffentlich so publizieren.

    Auf der anderen Seite, ist das alles für sich selbst zu wissen, im allg. Biker- und Lebensalltag schon ganz nützlich. Nur, ob man das Gros der Menschen damit heutzutage noch nachhaltig ausreichend erreicht, glaube ich eher weniger. Denn das typische Konkurrenzdenken, samt ewigem Neidfaktor und kaum noch vorhandener Toleranzgrenze, führen halt leider zu all dem, was wir im Alltag und so natürlich auch beim Biken (ob normal oder etwas elektrisch) erfahren.

    Das bekommt man wohl leider auch nicht mehr weg, denn auf zwei – drei missioniert Aufgeklärte, finden sich gleichzeitig wohl rund 97 „voreingenommene Idioten“ dazu. Ja so ist das heutige Leben und wohl nur noch im unmittelbarem Familien- und Freundeskreis anders umsetzbar.

    Drum mach‘ auch Du dir besser keine großen Gedanken dazu, sondern eher das, was Du für richtig hältst. Denn jeder Kilometer auf dem Bike geradelt, und zwar ganz egal mit Welchem, ist besser, als oft sinnlose Diskussionen, mit so manchem oft lernresistenten Mitbürger.

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